Presseinformation zu einem neuen Bachelor-Studiengang In Nürnberg ab Wintersemester 2011


BBA International Management - europäisch Denken und Handeln
-Fachliche Exzellenz, breite Bildung, intensive Persönlichkeitsentwicklung -


Die Mehrzahl der Bachelor- und Masterstudiengänge richtet sich an den inzwischen fast weltweit standardisierten Studienprogrammen und -methoden amerikanischer Business-Schools aus. Fehlt es den Europäern an Selbstbewusstsein, einen eigenen Weg zu gehen? Spätestens nach der jüngsten Finanzkrise zeigt sich, dass Änderungen in Ausrichtung und Lerninhalten der Business-Schools notwendig sind. "Kurzfristdenken und Profitjagd" haben ausgedient, der gerne vermittelte Baukasten, wie Management funktioniert, hat ausgedient, denn er hat zu wenig Substanz. Neuorientierung tut Not. So bewertet der Aufsichtsratsvorsitzende von Inua (Internationales Netzwerk für Universitäten-Altdorf eG), Manfred Kuhlmann die Ausgangssituation aus seiner langjährigen Erfahrung mit Jung-Akademikern.

Ab kommenden Wintersemester bietet die ICN Business School Nürnberg-Nancy den neuen universitären Bachelor of Business Administration in International Management. "Das Programm wird gemeinsam von der ICN Business School, einer französischen Excellenz- Universität und der Inua getragen ", erklärt Studiengangleiter André Schlipp,: "Wir bilden junge Führungskräfte für die Praxis in europäischen Unternehmen aus - vor dem Hintergrund gemeinsamer europäischer Werte, bei unterschiedlichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Perspektiven." Dieses Wirtschaftsstudium findet in internationalen Klassen statt und ist sowohl inhaltlich als auch institutionell eine Alternative zu herkömmlichen BWL- und Businessabschlüssen. Der Abschluss ist ein Universitätsabschluss und berechtigt zum anschließenden Masterstudium oder den Berufseinstig in Führungspositionen. Neben fachlicher Exzellenz legt der Studiengang großen Wert darauf, individuelle Fähigkeiten und Talente der Studierenden zu entwickeln und auszubauen.

Studienziel - Exzellente, europäisch geprägte Führungskräfte


"Teamarbeit und kleine Studiengruppen gewährleisten eine intensive Arbeitsbeziehung zwischen Studierenden und Dozenten und sorgen mit einem Mentorship-Programm für eine ausgewogene individuelle Betreuung und Talentförderung", beschreibt Schlipp einen der zentralen Qualitätspunkte des neuen Nürnberger Studiengangs. Im Zentrum steht die grundlegende Vermittlung globaler Wirtschaftszusammenhänge, spezifisch auch der Differenzierung und Vernetzung Frankreich-Deutschland, als die tragenden Säulen der Europäischen Wirtschaftsunion. Vermittelt werden die grundlegenden wissenschaftlichen Theorien der Wirtschafts- und Sozialökonomie und ihre zeitaktuelle Reflexion, die Zusammenhänge der Mikroökonomie im Rahmen der Betriebswirtschaft, verbunden mit den relevanten Arbeits- und Anwendungstools. Im Fokus steht dabei vor allem die innovationstreibende mittelständische Industrie, die in Deutschland als tragende Säule mehr als 60 % der Wertschöpfung ausmacht. Zusätzlich werden die Studierenden in kultureller und interkultureller Kompentenz eingeführt und trainiert. Dazu trägt auch ein integriertes, mit ECTS-Punkten bewertetes Studium-Universale bei, das sowohl Pflicht- wie auch Wahlfächer beinhaltet und dreisprachig (deutsch, englisch, französisch) ist. Auch die Mitarbeit in der Entwicklung und Betreuung alternativer Sozialprojekte zur Sensibilisierung für die gesamtgesellschaftliche Verantwortung von angehenden Führungskräften steht auf der Aktivitätenliste der Studierenden.

Studienhintergrund - Universitäts-BBA mit Fähigkeits- und Profilentwicklung


"Das Bayer. Wissenschaftsministerium hat diesem Studiengang nach intensiver und grundlegender Prüfung die Genehmigung erteilt" berichtet der Studienleiter Schlipp von dem Prozess, den er aktiv begleitet und mitgestaltet hat. Der Bachelor of Business Administration in International Management ist durch EQUIS (European Quality Improvement System) akkreditiert. Er befähigt zu einem attraktiven Berufseintritt und einer nachhaltigen erfolgreichen Berufsentwicklung in allen Unternehmensgrößen und Wirtschaftszweigen. Durch ein weiteres Aufbausemester kann optional der Studienschwerpunkt "Automotiv" gewählt und damit auf eine Branche fokussiert werden, die sowohl in Deutschland wie in Frankreich, und besonders auch in der Metropolregion Nürnberg von besonderer Attraktivität ist. Ein zweijähriges Aufbaustudium im Rahmen eines Masterstudiengangs ist ebenso möglich, wie eine spätere Promotion. Zwei Studienjahre des werden in der Metropolregion Nürnberg, an einem attraktiven Innenstadtstandort in Nürnberg verbracht, ein Jahr verbringen die Studierenden an der ICN Business School in Nancy, wo zur Zeit knapp 3000 Studierende eingeschrieben sind. Inua, Internationales Netzwerk für Universitäten - Altdorf eG, ist eine Gründung von Hochschullehrern und Managern vor dem Hintergrund der ehemaligen humanistischen Universität der Reichsstadt Nürnberg in Altdorf (Altdorfina). Inua setzt sich satzungsgemäß dafür ein, fachspezifische Studiengänge mit der realen Berufswelt auf adäquatem Niveau anzubieten, verknüpft mit der Entwicklung und Förderung umfassender fachlicher und sozialer Kompetenzen Wichtiger Partner ist die Grundig Akademie, einer der großen unabhängigen Bildungsanbieter Deutschlands.

Studienort - ICN Grande École de Management


Das ICN wurde 1909 zunächst als Institut der Universität Nancy gegründet und ist seit den 50er Jahren eine selbstständige Universität, Nancy ist mit ca. 50.000 Studierenden einer der großen Hochschulstandorte Frankreichs. Eingebunden in das ostfranzösische Kooperationsnetzwerk und die grenzüberschreitende Saar-Lor-Lux-Region, liegt das ICN mit seinem modernen Campus "au coeur de la ville". ICN gehört als Grand École in den Kreis der französischen Exzellenzhochschulen (Écoles Supérieures (EFMD, AACS) und ist eine der führenden Einrichtungen im Netzwerk der europäischen Graduate Business Schools. An den Standorten Nancy und Metz unterrichten 70 Professoren und 400 Business-Dozenten.

Studiensituation in Deutschland - viele Studienwillige, wenige Studienplätze, mangelnde Betreuung


In Bayern (70.000) und Niedersachsen (50.000) wollen heuer doppelt so viele Abiturientinnen und Abiturienten wie üblich ihr Studium aufnehmen. 2013 werden auch die bevölkerungsreichen Bundesländer Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen ihren doppelten Abiturjahrgänge an die Universitäten und Fachhochschulen entlassen. Zwar soll in Bayern ein Hochschulpakt zusätzlich 38.000 Studienplätze und 3.000 neue Stellen für die Betreuung der Studierenden schaffen. Doch seit in Deutschland die Bachelor-Reform mit Verkürzung und Vereinheitlichung der Studiengänge umgesetzt wird, drängen Dreiviertel eines Jahrgangs in eine akademische Ausbildung. Besonders in den Massenstudiengängen sorgt die hohe Zahl an Studierenden für überfüllte Hörsäle und mangelnde Betreuung. "Aussetzung der Wehrpflicht und geburtenstarke Jahrgänge bis über die Mitte des Jahrzehnts hinaus werden die Situation an den Universitäten und Fachhochschulen noch einmal erheblich verschärfen", ruft Schlipp die bedrohliche Bildungsprognose in Erinnerung. Die Folgen lassen sich leicht ausmalen: Numerus Clausus und Leistungsdruck steigen, die Zahl der Studienabbrecher nimmt zu, die Hochschullehrer können immer weniger Betreuungszeit für ihre Studierenden aufwenden.

Status März 2011
Herausgegeben von Inua Internationales Netzwerk für Universitäten-Altdorf eG


Weitere Informationen:

Websites:

Ansprechpartner:

Andre Schlipp
Telefon: +49 (0) 911 95 117-181
Telefax: +49 (0) 911 95 117-109

E-Mail: schlipp@grundig-akademie.de







(Artikel in „Die Zeit“, Ausgabe Nr. 7 vom 5. Februar 2009, Rubrik „Wirtschaft“, Seite 27)

Immer wieder geht die Sonne auf


Die Wirtschaftskrise zwingt zu Veränderungen. Der nächste Aufschwung wird von Erfindungen für mehr Energieeffizienz getrieben sein
VON MICHAEL MÜLLER


Fast täglich schütteln uns Anfälle von ökonomischem Pessimismus. Horrormeldungen drücken die Stimmung in den Keller. Doch bloße Schwarzmalerei ist fehl am Platz. Wichtig ist, die Krise richtig zu analysieren und die Chancen zu ihrer Überwindung zu erkennen.

Die Brisanz liegt darin, dass die Finanzkrise mit einer Abschwächung der technologischen Dynamik zusammenfällt: In den vergangenen Jahren sorgte vor allem die enorme Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien für Beschäftigung und Wohlstand. Zugleich entstehen mit dem Klimawandel und den schnell zur Neige gehenden Ressourcen neue Knappheiten. Wir erleben also nicht nur eine Wirtschaftskrise, sondern auch den schmerzlichen Übergang von einer Wirtschaftsperiode in eine neue, von ökologischen Herausforderungen geprägte. Einerseits zwingt die Krise zu Veränderungen, andererseits öffnet sich aber auch ein Gestaltungsfenster, das wir für eine grundlegende Modernisierung nutzen können. Nutzen müssen, damit aus der Krise kein Kollaps wird.

Wie wird ein neuer Aufschwung möglich? Gute Politik hat ihre Quelle in der Zukunft. Wir müssen begreifen, was unter der Oberfläche abläuft, was die Märkte und die Infrastruktur von morgen sind. Möglich wird das durch einen Blick auf die langen Wellen, mit denen Nikolai Kondratieff das langfristige Auf und Ab der wirtschaftlichen Entwicklung erklärte. In seiner Gedankenwelt entwickeln sich grundlegende Innovationen nicht zufällig. Wenn ein zentraler Produktionsfaktor, zum Beispiel der Transport, im Verhältnis zu anderen Produktionsmitteln knapp und teuer wird, stagniert die Wirtschaft. Erst große Erfindungen und die Verbesserung der Infrastruktur überwinden die Knappheit.

Wahrscheinlich wäre diese Theorie längst vergessen, hätte nicht der berühmte Ökonom Joseph Schumpeter die großen Wirtschaftszyklen nach Kondratieff benannt. Heute spricht alles dafür, dass der nächste Zyklus aus der übermäßigen Nutzung des Naturkapitals ausgeht, die immer stärker Wirtschaft und Gesellschaft belastet. Eine Effizienzrevolution bei Energie, Material und Rohstoffen rückt ins Zentrum von Innovationen und wird einen breiten Aufschwung auslösen. Deshalb legt der US-Präsident Barack Obama mit geplanten Ausgaben von 70 Milliarden US-Dollar einen Schwerpunkt auf die ökologischen Zukunftsmärkte.

Der globale Wettlauf um die Spitzenposition bei den modernen Umwelttechnologien hat begonnen. Was das bedeutet, zeigt die Geschichte des Industriezeitalters. Die erste lange Welle entstand mit der Erfindung der Dampfmaschine und brachte England, dessen Wirtschaft damals die produktivste der Welt war, einen gewaltigen Boom. Das Land steigerte seinen Anteil an der globalen Industrieproduktion auf über zehn Prozent. Dann aber fehlten ausreichende Transportmöglichkeiten. Die Folge waren Überkapazitäten und eine schwere Wirtschaftskrise, bis es zum Ausbau der Eisenbahn kam.

Der dritte Kondratieff-Zyklus, geprägt von den Erfindungen im Bereich der Elektrizität und der Chemie, katapultierte Deutschland an die Spitze der Weltindustrieproduktion. Dafür standen AEG, Siemens oder die damaligen IG Farben.

Diese Stärke konnte unser Land in der vierten großen Innovationsperiode halten, dem Aufstieg zur automobilen Gesellschaft. In der fünften, bisher letzten Kondratieff-Welle, ausgelöst durch die Informations- und Kommunikationstechnologien, erlangten Japan durch eine staatliche Marktsteuerung und die USA durch massive Investitionen im Militärsektor die Spitzenposition. Dabei war es der Deutsche Konrad Zuse, der 1944 den ersten Computer entwickelt hatte.

Effizienztechniken und erneuerbare Energien werden nun den nächsten Kondratieff prägen. Bei dieser Megatechnik hat Deutschland eine führende Position, die nur gehalten werden kann, wenn die Anstrengungen massiv verstärkt werden. In dieser Hinsicht greift das Konjunkturprogramm deutlich zu kurz. Für die ökologische Modernisierung bietet es in Umfang und Tiefe zu wenig. Zudem darf die Effizienzrevolution nicht nur auf Energie abzielen, sondern muss alle Bereiche des Ressource- und Materialeinsatzes umfassen.

Daraus entsteht eine Dynamik, die einerseits die Umweltbelastung reduziert und andererseits neue Märkte und Beschäftigung schafft. Das Potenzial ist groß. In der verarbeitenden Wirtschaft entfallen auf den Faktor Arbeit rund 22 Prozent der Kosten, auf die stoffliche Seite jedoch mehr als 40 Prozent. In den letzten drei Jahrzehnten stieg die Arbeitsproduktivität um rund 260 Prozent, die Produktivität beim Einsatz von Energie, Rohstoffen und Material jedoch um deutlich weniger als 100 Prozent.

Wie aber kann ein grünes Wirtschaftswunder finanziert werden? Eine Zukunftsanleihe könnte viel Geld in die ökologische Modernisierung lenken, ohne die öffentliche Verschuldung weiter in die Höhe zu treiben. Sie garantiert Anlegern für zehn Jahre einen sicheren Zinsertrag, der etwas höher als banküblich liegt. Die Differenz wird finanziert aus dem Abbau umweltschädlicher Subventionen und einer Abgabe von Kreditnehmern, deren Projekte überdurchschnittliche Renditen erzielen. Der neue Kondratieff-Zyklus eröffnet gerade unserem Land eine gute Perspektive. Nutzen wir die Chance.



Arbeit

Langsamkeit, Entschleunigung und mehr Feierabend

Unbegrenzt flexibel, ständig verfügbar, immer erreichbar, bereit zur grenzenlosen Selbstausbeutung – Charakteristika des modernen Arbeitslebens. Dafür aber keine sicheren Arbeitsplätze, kein geregeltes Familienleben und kaum nachhaltige Entwicklung von Wissen und Unternehmenserfolg. Wer seinen Arbeitsplatz liebt, seine Erwerbstätigkeit nicht in 1-€-Jobs oder Hartz IV fristen möchte, dem bleibt nichts anderes übrig als hyperfix, extrem anpassungsfähig und wandelbar und sozial wurzellos zu sein. Die Generation Praktikum ohne feste Beschäftigung, die freien Berufe ohne sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse, Leiharbeiter als moderne Sklaven des Turbokapitalismus können ein Lied davon singen.
Doch das Arbeitsmodell des dritten Jahrtausends ist in Verruf geraten. Nicht nur durch die Besetzung der Wohnquartiere durch Single-Haushalte und das Verschwinden familienfreundlicher Innenstädte, sondern insbesondere langfristige gesellschaftliche Entwicklungen: durch die schrumpfende Bevölkerung und die demografische Überalterung, durch familienfeindliche Arbeitszeiten und kinderunwürdige Schulen. Hoffnungsvolle Wirtschaftsdaten, entspannter Arbeitsmarkt und eine objektive, weniger angstbesetzte Diskussion über den Sozialstaat lassen das Innehalten zu, ermöglichen die Bestandsaufnahme des vergangenen Jahrzehnts, geben Antwort auf die Frage: Wie hat sich unser Leben verändert? Wie sieht die Arbeit der Zukunft aus? Und wo müssen Korrekturen ansetzen, um nicht in atemloser Hast und nicht wieder aufzuhaltender Beschleunigung zu verschwinden?

Doch das Arbeitsmodell des dritten Jahrtausends ist in Verruf geraten. Nicht nur durch die Besetzung der Wohnquartiere durch Single-Haushalte und das Verschwinden familienfreundlicher Innenstädte, sondern insbesondere langfristige gesellschaftliche Entwicklungen: durch die schrumpfende Bevölkerung und die demografische Überalterung, durch familienfeindliche Arbeitszeiten und kinderunwürdige Schulen. Hoffnungsvolle Wirtschaftsdaten, entspannter Arbeitsmarkt und eine objektive, weniger angstbesetzte Diskussion über den Sozialstaat lassen das Innehalten zu, ermöglichen die Bestandsaufnahme des vergangenen Jahrzehnts, geben Antwort auf die Frage: Wie hat sich unser Leben verändert? Wie sieht die Arbeit der Zukunft aus? Und wo müssen Korrekturen ansetzen, um nicht in atemloser Hast und nicht wieder aufzuhaltender Beschleunigung zu verschwinden?

Die alte Bundesrepublik

Angestellte verkörpern nicht mehr wie früher den verträumten Typus aus dem schwarzweißen Traumland einer Bundesrepublik der sechziger Jahre. Sie sind vielmehr kreative, moderne Arbeitnehmer, zu allem bereit, immer verfügbar und erreichbar, grenzenlos mobil, Unternehmer ihrer selbst. Die Anliegen und Interessen der Unternehmen beanspruchen ihre gesamte Lebenswelt, mit Haut und Haaren kleben die Workaholics am Job und optimieren Tag und Nacht ihre Arbeitskraft. Jürgen Habermas hat diese Entwicklung schon vor zwanzig Jahren als Kolonisierung der Lebenswelt durch die Arbeit beschrieben. Die eigene Haut zu Markte tragen, heißt die eigene Haut zu retten? Sich gut verkaufen, indem man sich selbst verkauft? Autogenes Training, Coaching, Mentalmeetings: Übungen, um sich diese Welt einzureden, oder spirituelle Glaubensbekenntnisse des Kapitalismus? Wie weit muss man gehen, um Dienstleistungen und Produkte zu verkaufen? Ist der eigene Freundeskreis noch eine mögliche Kundschaft? Welche Gefühle sind notwendig, um aus sich eine/einen Bewerber/In zu machen, die/der in das Profil der Stellenanzeige passt? Wie viel Anpassung ist nötig, um die Philosophie eines Unternehmens zu verinnerlichen? Fragen über Fragen, die aber komischerweise nie gestellt werden, weil weder die Zeit dafür vorhanden ist noch das Bedürfnis sie überhaupt zu beantworten. Denn sie würden Nachdenken erfordern und wer kann das schon: beim großen Rennen?

Die große kleine Welt

Die Umstände und Änderungen in der Arbeitswelt werden immer wieder mit der weltumspannenden Ökonomie begründet, zusammengefasst im Begriff der Globalisierung: als knallhartes Phänomen, das aber die Vorgeschichte, den Wohlstand und die Behäbigkeit der alten Bundesrepublik ausnimmt und verschweigt, dass andere Gesellschaften, in anderen Ländern und auf anderen Kontinenten schon lange einem ähnlichen Druck, wenn auch in wesentlich niedrigeren Preisklassen ausgesetzt waren. Die Eltern von gestern sind heillos überfordert, wenn ihnen ihre Kinder die Arbeitswelt von heute erklären sollen, das was sie genau tun und wie sie es tun. Arbeitsinhalte und Organisation haben sich nicht zuletzt durch elektronische Datenverarbeitung und weltweite Kommunikation rigoros verändert. Auch die Festanstellung von gestern ist der quälenden Unsicherheit um den Job von heute gewichen. Arbeitsnomaden, Praktikanten, Zeitverträge, Arbeitslosigkeit trotz Universitätsstudiums – die Arbeit steht über allem, Überstunden sind längst kein Thema mehr, Freizeit und Feierabend sind Begriffe, die langsam aber sicher aus dem Vokabular der modernen Arbeitsgesellschaft verschwunden sind.

Arbeit, Arbeit über alles

Der Mensch verwirklicht sich nicht mehr in seiner Arbeit, sondern die Arbeit verwirklicht sich im Menschen. Wenn die Trennung zwischen Arbeit und Leben versagt, sind Schweißausbrüche und Entzugserscheinungen die ersten Anzeichen für die Arbeitssucht. Das Spiel beginnt mit dem Laptop am Baggersee, setzt sich mit Besprechungen und Meetings am arbeitsfreien Sonntag fort und endet im Burn-out. Zwar ist die Zahl der durch Krankschreibung ausgefallenen Arbeitstage in der volkswirtschaftlichen Summierung drastisch gesunken. Zwischen 1997 und 2004 ist dafür die Zahl der seelischen Leiden am Arbeitsplatz, der Ausfall durch Stress- und Angststörungen um 70 Prozent angestiegen. Kaum jemand mehr bleibt wegen einer Grippe oder wegen eines Magen-Darm-Virus zu Hause. Die Fehlstunden, die psychisch bedingt sind, nahmen dagegen um ein Drittel zu. Die WHO schätzt, dass bis 2020 die Depression nach den Herz- und Kreislauf-Erkrankungen an die zweite Stelle der häufigsten Krankheiten rücken wird.

Erziehung zur Produktivität

Die Umwelt nimmt es als positiv wahr, wenn man viel arbeitet. Selbst die Freizeit, aktive Tätigkeiten wie Sport, Singen oder Musik werden nicht nur von den Unternehmen gefördert, sondern auch von den Arbeitnehmern unter dem Aspekt der Regeneration von der Arbeit, dem Auftanken der Energiereserven für den Job wahrgenommen. Noch verheerender sind die Auswirkungen, die Eltern produzieren können: Wenn Sie ihre Kinder schon in jungen Jahren auf den Arbeitsmarkt vorbereiten, die Kleinen nicht nur auf das kurze Erfolgserlebnis der Noten prägen, sondern Ihnen einen wesentlichen Teil der Kindheit, der zu einer gesunden und reibungslosen Entwicklung gehört, vorenthalten. Leistungsdruck, Versagensangst, der Zwang zum Sinnvollen, immer Verwertbaren blenden das Spielerische, Kreative, Lust und Langeweile aus. Reflexion, Muße, die Entwicklung der Phantasie, nachhaltige, komplexe Prozesse finden kaum noch statt und werden nicht vermittelt geschweige denn erlernt. Verkürzte Schulzeit, voll bepackter Stundenplan, reformierter Lehrplan, beschleunigstes Studium, der Achtstundentag ist auch schon für die Kinder gestorben. In einer Gesellschaft der steigenden Lebenserwartung muss alles schnell, schnell gehen. Auf dem Altar der Beschleunigung werden die Grundpfeiler für die nachhaltige Entwicklung des Menschen geopfert.

Freiheit statt Agonie

Die anderen reiben sich schon die Hände, wenn deine Stelle frei wird. Da heißt es: bloß nicht auffallen! Unterwürfigkeit und Duckmäusertum kennzeichnen die Flure und Stockwerke des Arbeitslebens. Freiwilliger Lohnverzicht, Unternehmensverschlankung oder Arbeitsverdichtung hätten in ihrer Subtilität und vor allem hinsichtlich ihrer negativen Folgen das Zeug zum Unwort des Jahres. Die ungesunde Mischung, die die Angst um den Arbeitsplatz erzeugt, die steigenden Anforderungen und die Summierung der Arbeitsleistung führen nicht nur zu rückgratlosen Angestellten, sondern zu immer weniger Verantwortungsbewusstsein, zu Wettbewerbsnachteilen. Kreativität aber ist charakterisiert von Nonkonformismus und dem Mut zu Fehlern, Experimentierfreude und Erfindungsgeist liefern den Schlüssel zu Erfolg und Fortschritt.

Informationsgesellschaft

Die Wissensgesellschaft, die sich alle drei bis 4 Jahre selbst vervielfacht, degradiert das Individuum zu einem willenlosen Sklaven, der zu wenig, das Falsche, nicht richtig oder umsonst gelernt hat. Das lebenslange Lernen hat es ja schon immer gegeben, jeder vernünftige und weitsichtige Mensch hat immer versucht, seinen Horizont zu erweitern. Doch das Konzept, so wie es heute allseits und überall gepredigt wird, erinnert wohl eher an das höchste Strafmaß innerhalb eines Strafprozesses, dass auf Ruhe, Rückzug und Reflexion das Ende der sozialen Stufenleiter droht. Das Hamsterrad dreht sich immer und immer weiter, hält man an, stürzt man zu Boden, verliert den Halt, überschlägt sich, kann Oben und Unten nicht mehr unterscheiden…

Kinder, Küche, Kirche

Um den Preis der Selbstaufgabe, unter dem Zwang der schleichenden Benachteiligung und im Korsett des Rollenklischees festgehalten hat wenigstens der weibliche Anteil an der Bevölkerung den flächendeckenden Familienkollaps bis jetzt zu verhindern gewusst. Doch selbst die Frauen sehen sich zunehmend intensiver und unerbittlicher in die Maschinerie der Produktivität eingespannt. Mutterzeit, Elternzeit, Kindererziehung. Auch in diesen Bereichen nimmt sich der Stress den Freiraum, der für eine positive Entwicklung nötig ist. Rückwärtsgewandte, für unsere westliche Welt längst nicht mehr reale Rollenbilder und zurückgebliebene Vorstellungen des ausgleichenden Teils der Familie, eines Heia-Po-Peia, einer flauschigen Wohlfühlwelt entsprechen weder der gesellschaftlichen Realität noch den rigiden gemeinen Gesetzen der betonharten Ausgrenzung eines hinterhältigen Patriarchats. Wer ehrlich sein darf, einen klaren Gedanken zu fassen in der Lage ist, eins und eins zusammenzählen kann, der muss konstatieren: Erhalt und Überlebensfähigkeit unserer Gesellschaft ist nur durch einen Richtungswechsel möglich, indem die Arbeitswelt Kinder, Familie, Lebensgemeinschaften, Work-Life-Balance integriert und nicht nur das Konzept der Produktivität umsetzt. Kinderbetreuung, Elternangebote, Schulreform und wie die politischen Schlagworte alle heißen: Auch die Politik, die Entscheider und die Mitbestimmung haben die Wirklichkeit entdeckt und zollen dem so genannten demografischen Faktor zunehmend Aufmerksamkeit und auch Willen zu einem grundsätzlichen Wechsel.

Regeneration, Pause, Stillstand

„Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt.“ Schon Wilhelm Busch wusste die Dialektik der Moral auf einen Satz zuzuspitzen. Die verheerende Wirkung der Einseitigkeit zerstört das unverbrüchliche Band des Ganzen. Egal welches Bild man gebraucht, Fortschritt und Entwicklung ist nicht ohne Ausprobieren, Fehlerhaftigkeit, Stillstand, Vergleiche, zeitweise auch durch Rückschritt zu haben. Denken als Prozess funktioniert ähnlich: Überlegen, Abwägen, Verwerfen, eventuelle in die falsche Richtung gehen. Sportler müssen üben, trainieren, regenerieren, Belastung dosieren, damit sie im richtigen Augenblick zur Höchstleistung fähig sind. Doch auch beim Sport, gerade im Hochleistungsbereich, wo Medizin, Trainingswissenschaft und Doping die Trainingspläne entscheidend beeinflussen, zählt die Vorstellung des menschlichen Organismus als Maschine. Doch wir sind keine Maschinen. Bei uns kommt der Kopf dazu. Und gerade die Intelligenz, das Denken, die vielfältige Ideenlandschaft unseres Gehirns kommt immer wieder zu verblüffenden Lösungen, zu genialen Entdeckungen und überraschenden Einschätzungen. Nur ist dieser Teil des Menschen keine Festplatte, die man beliebig beschreibt, ein- und ausschaltet, wann man will, oder zu beliebigen Höchstleistungen auftunen kann. Von klein auf muss die Entwicklung gefördert, es darf aber auch einiges gefordert werden. Hand in Hand entwickeln sich Seele und Körper, die ebenso wie der Kopf immer wieder eine Pause brauchen, Erholung und Abschalten. Nicht Faulheit und Vergnügung, sondern einen Halt, in doppelter Bedeutung, um wieder unnachahmlich und unerreicht das Wunder des menschlichen Geistes, menschliches Tun und auch Lassen hervorzubringen.



Web 2.0

Das richtige Leben im Falschen

»Ausgerüstet mit den Mitteln der Web-2.0-Technologie, können wir alle Bürger-Journalisten werden, Bürger-Filmer, Bürger-Musiker. Die Technik werde uns ein Leben schenken, wird geschwärmt, in dem wir morgens schreiben, nachmittags Filme drehen und abends Musik machen.« Der so überschwänglich Kritik übt am neuen Wunderkind der mit frischem Blut und in demokratischer Graswurzeldiktion dollarglänzenden Auges sich aufschwingenden Dotcom-Freaks, ist Andrew Keen. Systematisch und polemisch hat sich der Verfasser von „The Cult oft he Amateur: How the Democratization of the Digital World is assaulting our Economy, our Culture, and our Values“ (2007) als Gegenspieler des Web 2.0 positioniert. Der böse Bube adelt damit aber auch seine Antagonisten, etwa David Weinberger („Everything is Miscellaneous: The Power oft he New Digital Disorder“, 2007), der während einer Debatte im Wall Street Journal erst kürzlich die Klinge mit Keen kreuzte: » Yes, Andrew, we are amateurs on the Web… We’re building this for one another. We’re doing it by and large for free, for the love of it, and for the joy of creating with others. That makes us amateurs. And that’s also what makes the Web our culture’s hope.«

Meine eigene Welt

Mein Schwager erzählt mir immer öfters begeistert von seinen Nächten, die er vor dem Computer verbringt. Mein Sohn will nach seinem Handy-Budget durch SMS jetzt endlich auch seine tägliche Medienzeit durch ICQ ausgebaut wissen. Mein bester Freund hat ohnehin schon alle Grenzen zwischen Arbeitswelt und Alltagsrealität, zwischen virtuellem Raum und seiner Umwelt gesprengt. Doch mein Schwager hört schlecht und ist ein Autist oder besser umgekehrt, ohne Ursache und Wirkung zu verwechseln. Mein Sohn chattet, simst und schnattert, was das Zeug hält, könnte Tage und Wochen in Kontakt mit anderen Teilnehmern auf der ganzen Welt bei elektronischen Spielen am Bildschirm verweilen, bringt aber nicht einmal das Management seiner E-Mails auf die Reihe. Und mein bester Freund ist ohnehin ein hoffnungsloser Fall, der durch seine Abhängigkeit vom Laptop und die Sucht nach digitaler Befriedigung hoffnungslos der programmierten Welt zwischen 0 und 1 verfallen ist. Als bloßer User der Computertechnologie oder auch des Internets ist man selbst eher einem wohlwollenden Pragmatismus und erschauernder Vorahnung zugeneigt, was das Web 2.0 angeht. Man ist nicht so sehr jedweder extremen Haltung verpflichtet, sei es nun pro oder anti: Blogs, Podcasts, MySpace, YouTube, Facebook oder Friendster

Sozialismus 2.0 vs. Big_Business

Die schöne neue Welt des Web 2.0 scheint wohl eher auf das Woodstock des digitalen Zeitalters hinauszulaufen: Neue soziale Netze, demokratische Medien, interaktive Selbstverwirklichung, freie kostenlose Information und Kreativität treiben unter dem Label der Freiheit und Gleichheit blindlings voller Illusion und Ideale in die offenen Arme des Kapitalismus. Und Du bist mittendrin, mischst munter mit, Du mixt Deine persönlichen Eindrücke, aber auch die intimsten Auskünfte und Statements in den Datenfluss unter. Microsoft steht bereit in den Startlöchern, Google an der Startrampe und Yahoo vor dem Absprung in das große allumfassende Netzwerk. Die schöne neue Welt ist die Welt des gläsernen Kunden. Die Großen zahlen pro Kopf eines Web 2.0-Teilnehmers und werden dafür ihr Business an den Plattformen andocken. Die Subkultur steht nach fast 40 Jahren wieder einmal Pate für das ganz große Geschäft: die totale Verwertungskette des Pop, eingeleitet durch die vollständige Öffentlichkeit und die völlige Entäußerung der Persönlichkeit, transportiert durch lockere revolutionäre Statements, durch den Hype und Style der Subkultur, das Ambiente von so etwas wie einer Jugendbewegung. Oder so.

Make Blog not Love

Vielleicht stellt wenn nicht das Prinzip des Web 2.0 so doch seine Anwendungen schon Selbstbetrug, sozialistische Chimäre, ganz großes elektronisches Theater dar: unsichtbares Theater. Mein Schwager und mein bester Freund und auch mein Sohn sind auf dem besten Weg, das wirkliche Leben aus den Augen zu verlieren, vielleicht glimmt irgendwo in ihnen noch die Sehnsucht, nicht mit dem Bildschirm zu verschmelzen, eins zu werden mit diesem Leben aus zweiter Hand, Teil dieser weltumspannenden Community zu sein, die doch wieder nur aus vereinzelten, einsamen Individuen besteht, in einer kühlen, magnetischen Schwachstrom leitenden Welt, die sich doch wieder nur immer und immer wieder um sich selbst dreht.

Erste Anzeichen deuten bereits auf ein Erlahmen der Euphorie hin, auf den Anti-Hype der gezwungenen und paradoxen Ersatzwirklichkeit, der Geselligkeit um der Geselligkeit willen und natürlich der Ersatzwelt ganz für sich selbst allein vor dem Bildschirm: Freunde, Kontakte, Kommentare und Kommunikation sind verpönt auf Isolatr und werden verschmäht. Auskünfte sind Irreführungen, Blogs Kriegserklärungen, die fesche schnelle Gestaltung nicht mehr die zweite Haut auf Enemybook. Das Unfertige, Hingeworfene ist nicht mehr cool und chic, die Attraktion und Ausstrahlung der Images ersetzt nicht das Persönliche auf Introvertster. H & M verkauft Palästinensertücher, rechtsextreme Gruppierungen hängen sich die Tücher in nationaler Attitude und bedeutungsloser Zeichenhaftigkeit um ihre weißen Hälse.

Eins und Eins ist Null

Die Zeitungen haben viel darüber geschrieben, das Fernsehen strahlte es immer und immer wieder aus, das Radio war das erste Mainstream-Medium, das völlig über das Internet vereinnahmt wurde, degeneriert zur Abspielstation der Musikindustrie. Bürger-Journalismus, kreative Kommentare zur Zeit, die bessere Öffentlichkeit, Basis-Medium, neue Debattenkultur, sogar die umfassendere Enzyklopädie durch die Beteiligung aller… Doch leider sieht diese Art von Wirklichkeit anders aus: Werbebotschaften nehmen überhand, Politiker sülzen ihre demokratischen Floskeln herunter, die Öffentlichkeit stürzt in die Bedeutungslosigkeit des Privaten. Persönliche Beiträge und Kommentare sind unterschwellig mit Werbung vermischt. Die Geräteindustrie und die Hersteller der Computerperipherie nehmen Formen und Diktion der Subkultur auf und haben längst die Pläne in der Schublade, wie sich alles mit jedem verbinden lässt, jeder mit allem kompatibel ist und keine Wünsche mehr offen bleiben. Wünsche, die gar nicht der eigenen Welt entspringen, die unterschwellig Konsum anregen, den Kauf von Hard- und Software in die Höhe treiben. Die Gnade der Erinnerung, Ruhe und Konzentration, Nachdenken und Reflektieren sind längst kontraproduktiv, out, nicht mal Retro. Von wegen wie bringe ich die zwei Kisten zusammen !? Wie lässt sich die Aktivität vor dem Computerbildschirm und die passive Haltung der Fernsehrezeption in ein neues Medium integrieren ? Vielleicht schau‘ ich am Samstag Nachmittag der Bundesliga ja bald auf dem Handy zu und stell‘ meinen subjektiven Spielbericht ins Netz. Bei meinem Sohn spielt neben Kakà, Ronaldinho und Henry seit neuestem auch der wunderbare, einzigartige Lionel Messi bei den Bayern



Outer Space

Ist Europa bewohnbar?

Die European Space Agency hat sich nicht die Zivilisierung des Subkontinents der eurasischen Landmasse auf dem eigenen Planeten zum Ziel gesetzt, sondern will durch drei Sonden, die mit aufwändigen Messinstrumenten bestückt sind, das jovianischen Systems rund um den Jupiter erforschen. Das Vorhaben trägt den Namen „Laplace“ und ist ein mögliches Projekt, das die ESA für den Zeitraum von 2015 bis 2025 ins Auge gefasst hat. Das Space Science Advisory Council (SSAC) der ESA hat in Paris aus 50 Vorschlägen der Wissenschaftsgemeinschaft „Laplace“ und sieben weitere Vorhaben ausgewählt. In der nächsten Runde stehen unter anderem auch die Erkundung der Trabanten des Saturns, die Erforschung der dunklen Masse oder die Untersuchung des erdnahen Weltraumes.

Viertelfinale der Weltraumwissenschaften

Die Wege der Menschheit im Weltraum zu konkretisieren, war ein schwerer Prozess sowohl innerhalb der ESA als auch innerhalb der Wissenschaftscommunity: „Diese Gewinner dorthin zu bugsieren kann man meines Erachtens als das Viertelfinale eines der Abschlusswettkämpfe der weltweiten Weltraumwissenschaften bezeichnen“, so drückte sich der Wissenschaftsdirektor der ESA, David Southwood aus. Die Vorbereitungen für das Halbfinale laufen an, die Spannung steigt: Nicht nur die Vorstellung der Wissenschaftler und der ESA über die nächsten Ziele im Weltraum werden deutlich, auch die Zukunft der Raumfahrt wird langsam greifbar, je mehr sich die zwei Sieger des Projektwettbewerbs herauskristallisieren. Welches der Projekte letztendlich den wissenschaftlichen Siegerpokal in die Höhe recken kann, wird sich in der Diskussion mit den internationalen Partnern der Esa in den nächsten Jahren herausstellen.

Das Sytem der Jupitermonde

Durch “Laplace“, die Studie des jovianischen Systems, soll definitiv die Bewohnbarkeit der Monde nahe dem größten Planeten unseres Sonnensystems festgestellt werden. Die Trabanten Europa, Io, Kallisto und Ganymed würden dabei mit Hilfe dreier Observationsplattformen in der Umlaufbahn der Gasplaneten in Augenschein genommen. Die Erforschung des kleinen, selbstständigen Planetensystems rund um den mächtigen Jupiter könnte gemeinsam mit der US-Raumfahrtbehörde NASA in Angriff genommen werden.

Die Monde des Saturn

Ebenfalls in Gemeinschaft mit den Weltraumwissenschaftlern der USA könnte „Tandem“ realisiert werden, eine erneute Mission zum Saturn. Geplant ist, die beiden Monde des Saturn, eines der äußeren Planeten unseres Sonnensystems, zu erkunden. Die Mission sieht vor, Titan und Enceladus nicht nur aus dem Orbit zu betrachten, sondern auch vor Ort zu analysieren: Forschungsgegenstand wären das System ihrer Gravitation, die Analyse ihres Ursprungs, ihrer Evolution sowie die Diagnose ihres Inneren und des astrobiologischen Potentials.

Der Weltraum um die Erde

In die engere Auswahl kam auch ein erdnahes Projekt, das mit gleich 12 Raumsonden ausgeführt werden soll. Im Fokus der Wissenschaften: der Plasmagürtel rund um die Erde. Die Messungen auf verschiedensten Ebenen und in unterschiedlichsten Bereichen sollen Aufschluss über das Gas bringen, das mit seinen geladenen Teilchen unseren Heimatplaneten umgibt. Das Projekt „Cross-Scale“ im erdnahen Weltraum wäre ebenfalls an einen festen Partner gekoppelt: die Japanische Weltraumforschungsagentur JAXA (Japanese Space and Exploration Agency).

Weltenreise zu Marco Polo

Ebenfalls in Zusammenarbeit mit der fernöstlichen JAXA würde der Flug zum Asteroiden Marco Polo stattfinden. Ziel der Mission wäre die Bestimmung der Merkmale eines erdnahen Objektes in verschiedenen Größenordnungen und auch die Sicherung einer Probe sowie der Rücktransport zur Erde. Neue Erkenntnisse über die Evolution des Sonnensystems stehen im Mittelpunkt dieses Projekts. Die Wissenschaftler erhoffen sich Aufklärung über die Rolle kleiner Körper bei Entstehung und Entwicklung des Himmelssystems. Auch weitere Erkenntnisse zu Erdgeschichte sowie Ursprung und Entstehung des Lebens wären bei der Reise zu Marco Polo vielleicht möglich.

Die dunkle Energie

Während Forscher in der Nachbargalaxie der Milchstraße, dem Triangulumnebel M33, ein riesiges Schwarzes Loch entdeckt haben, will die ESA gleich zwei Vorschläge zur Erforschung dieser dunklen Energie weiterverfolgen. Beide Projekte haben das gleiche Ziel: Erforschung der Schwarzen Löcher, an dessen Oberfläche die Schwerkraft so stark ist, dass nicht einmal Licht aus ihnen entweichen kann. Die Mitarbeiterstäbe arbeiten aber mit unterschiedlichen Methoden an diesem Ziel. Eine Mission vertraut auf die Technologie eines Weitwinkelbildgebers, die andere entwickelt einen Himmelsbeobachter auf Infrarot-Basis (near-infrared all-sky surveyor). Angestrebt werden Aufschlüsse über die Entstehung und Entwicklung dunkler Energie und Schwarzer Löcher. Sie entstehen, wenn Sterne mit vielfacher Masse unserer Sonne in einer Supernova explodieren und deren Kerne kollabieren. In den meisten Galaxien vermutet man supermassereiche Schwarze Löcher. Das Objekt M33 X-7 ist nach Auskunft der NASA 15,7 mal so massiv wie die Erde und damit das größte und massereichste Schwarze Loch, das je entdeckt wurde. In unmittelbarer Nachbarschaft zur Milchstraße bewegt es sich um einen riesigen Partnerstern. Die Forscher kamen M33 X-7 bei der Auswertung von Daten auf die Spur, die das Chandra-Röntgenobservatorium und das Gemini-Teleskop auf Mauna Kea (Hawaii) geliefert haben.

Unbekannte Planeten, Röntgen und Infrarot

Das Projekt „Plato“ beinhaltet völlig neue Möglichkeiten der Planetenfindung und –erkundung. Es stellt eine fotometrische Mission dar und die Entdeckung und Erkundung vorbeiziehender Exoplaneten zum Inhalt. Durch die Messung der seismischen Schwingung ihrer Elternsterne würden aber auch Geheimnisse über deren Entstehung und Entwicklung aufgedeckt.

Ein Infrarotobservatorium der neuen Generation stellt das Projekt „Spica“ dar. Entwickelt werden soll ein ein so genanntes kryogenisches Teleskop mit großer Öffnung für mittlere und ferne Bereiche. Das „large-aperture cryogenic telescope“ in Kooperation mit der japanischen Weltraumagentur JAXA soll der Wissenschaft helfen, folgende Fragen zu beantworten: Wie haben sich die Planeten gebildet, warum funktioniert unser Sonnensystem, wo liegt der Ursprung des Universums?

Das Projekt „XEUS“ ist eine Weiterentwicklung der bestehenden Technologie eines Weltraumröntgenobservatoriums. Auch „XEUS“ würde nach dem Ursprung und den fundamentalen Gesetze des Universums fahnden. Dabei würden das Wachstums supermassereicher Schwarzer Löcher erforscht, das kosmische Feedback und die Evolution der Galaxien untersucht, die Entstehung und Entwicklung großer Strukturen, extremer Schwerkraft und Materie unter außerordentlichen Bedingungen zu ergründen versucht. Das Projekt ist auch deshalb interessant, weil bereits verschiedene internationale Partner der ESA ihr Interesse signalisiert haben.

Die Zukunft der Weltraumforschung

Etymologisch entwickelte sich aus Europa der Begriff und das Wort des Abendlandes. Dessen Kultur und Geschichte Wissenschaftler wie Galileo Galilei (1564-1642) geprägt haben. Unter Einsatz seines Lebens und seiner Existenz war Galilei entscheidend daran beteiligt, das aristotelisch-ptolemäische Weltbild ins Wanken zu bringen und damit das Ende des Heliozentrismus einzuläuten. Der Abkömmling einer verarmten Florentiner Patrizierfamilie stellt auch die Schnittstelle von der bloßen Beobachtung zur wissenschaftlichen Erforschung des Weltraumes dar und gilt als Entdecker der Monde des Jupiter (Galileische Monde).

Bereits 1608 waren in den Niederlanden Fernrohre aufgetaucht, denen aber wegen ihrer Zahl ein Patent verwehrt blieb. Auch auf der Leipzig Messe des Jahres 1609 waren diverse Tuben mit integrierten Glaslinsen ausgestellt, die zur Sternenbeobachtung taugten. Galileo konstruierte auf Grund seiner Beobachtungen ein Fernrohr und baute es nach. Er stellte zwar fest, dass der Mond sich im Erdenkreis bewegt, diese Beobachtung aber nicht mehr auf die anderen Planeten oder die Sonne zutrifft. Im Jahr 1610, angeblich einen Tag vor Simon Marius, hat Galileo Europa und die anderen Jupitermonde entdeckt. Sowohl der Ansbacher Astronom wie auch Galilei benannten das Mondsystem rund um den Jupiter zunächst wie damals üblich nach den Herrschaftshäusern, in deren Dienst sie standen: also Brandenburgische Gestirne bzw. Medici-Gestirne. Johannes Keppler soll Marius aber bei einem Treffen in Regensburg auf die Idee gebracht haben, die Monde des Jupiter nach seinen Liebschaften aus der griechischen Mythologie zu benennen: Io, die Tochter des Flussgottes Inachos, die Nymphe Kallisto, Ganymed, trojanischer Königssohn und Schönster aller Sterblichen, sowie Europa, deren Entführung durch Zeus (in der römischen Sage des Jupiter) in vielen Geschichten u.a. auch den „Metamorphosen“ des römischen Dichters Ovid erzählt wird.

Das Space Science Advisory Council (SSAC) der European Space Agency befasst sich unterdessen mit der Prüfung und Bewertung der Europa- und der sieben weiteren ausgewählten Missionen. Im Jahr 2011 unserer Zeitrechnung wird dann die Entscheidung getroffen, welche zwei Projekte das Finale des Wettbewerbs erreicht haben und im Jahr 2017 und 2018 letztendlich gestartet werden. Tilman Spohn vom Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum in Berlin bestimmt die Auswirkungen folgendermaßen: „Die Auswahl wird die Zukunft der europäischen Weltraumforschung formen.“ Bis zur Realisierung der ESA-Projekte wird das westliche Fünftel der eurasischen Landmasse weiterhin Europa genannt werden und eine phönizische Königstochter erzählt die Geschichte Europas, die von Zeus in Stiergestalt nach Kreta entführt wird. Auch der Planetentrabant Europa wird bis dahin weiterhin um den Jupiter kreisen, still und Geheimnis umwittert in den unendlichen Weiten des Weltraums.



Global Warming

Die Show ums Schmuddelklima

Oscar und Friedensnobelpreis für Albert Gore, der mal der nächste Präsident der Vereinigten Staaten gewesen ist und dennoch diese famose Hollywood-Story hingelegt hat. Seine Wahrheiten sind so unbequem, die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die er verwendet, so dringlich, dass sie die klimapolitische Arroganz und verzweifelten Verdrehungsversuche der Bush-Regierung so alt aussehen lassen wie aus der Steinzeit. Das Aushängeschild der Klimaschützer ist am Höhepunkt seiner Popularität, der Popstar des Weltklimas hat für eine Globalisierung der Klimadebatte gesorgt. Als PR-Lokomotive ist er nach wie vor nicht nur vor die veränderte klimapolitische Debatte innerhalb der Vereinigten Staaten gespannt, sondern wirft seinen Glanz auch auf den UN-Klimarat. Und der steckt in einem ähnlichen Dilemma wie die gesamte Wissenschaft: Wie können weit weniger plakative und telegene, dafür aber unendlich detailliertere und kompliziertere Erkenntnisse der Öffentlichkeit vermittelt werden? Vor allem aber: Wie erhalte ich angesichts des politischen Mainstreams einer starken Erderwärmung wissenschaftliche Glaubwürdigkeit, wie garantiere ich das demokratischen Prinzip des Widerspruchs. Gerade George W. Bush hat der der Propaganda des Klimatismus in die Hände gespielt: Er gibt als Klimaleugner den Prototypen des Ketzers für die neue Heilslehre ab. Logik, wissenschaftliche Prinzipien, skeptische Haltung werden in Glaubensfragen ausgeblendet. Dabei gilt es gerade beim Klima und beim Wetter kühlen Kopf zu behalten. Denn die Materie ist ein weites Feld und viel zu komplex , um sie falschen Propheten zu überlassen. Und die Forschung hat erst begonnen, die Daten und Fakten zur Veränderungen des Klimas zu sammeln, Zusammenhänge und Wirkungen zu erforschen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unseres Planeten zu erkunden.

Im Folgenden werden mit dem Global Dimming und der CO2-Absorbtion der Meere zunächst zwei Probleme vorgestellt, die direkt mit der Klimaveränderung und dem Treibhauseffekt zu tun haben, aber noch nicht sehr stark in das Bewusstsein der Öffentlichkeit vorgedrungen sind. Schließlich wird der Konflikt und die Ohnmacht der Wissenschaft beschrieben, wenn komplexe Forschungsthemen allgemein verständlich dargestellt oder von Medien und Politk vereinfacht und verkürzt ausgeschlachtet werden.

Global Dimming

Der 11. September 2001 hat nicht nur die Geschichte des 21. Jahrhunderts tief greifend verändert. Auch ein Phänomen, das bisher weitgehend unbeachtet neben der globalen Erwärmung (Global Warming, Treibhauseffekt) erforscht wurde, ließ sich plötzlich eindrücklich beobachten: das so genannte Global Dimming, die globale Verdunklung. Messungen der potenziellen Verdunstung seit den 50er Jahren haben nicht nur ergeben, dass die jährliche Verdunstungsmenge des Wassers weltweit abgenommen hat, sondern dass sich auch die Intensität des Tageslichts verringert hat. Vor allem die Luftverschmutzung scheint dabei eine große Rolle zu spielen. Spitzenreiter sind die USA, wo zwischen 1961 bis 1990 eine Verringerung der Sonneneinstrahlung von 10 %, in Großbritannien sogar von 16 % festgestellt wurde. Auch die Kondensstreifen der Flugzeuge sind an dieser zunehmenden Verdunklung beteiligt. Denn nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 konnte diese Hypothese während des dreitägigen Flugverbot in den USA eindrucksvoll bestätigt werden: Die Forscher beobachteten einen plötzlichen Anstieg der Temperaturdifferenz zwischen Tag und Nacht von 1,1 %. Ein entscheidendes Mosaiksteinchen in der Forschung und ein scheinbarer Widerspruch zur globalen Erwärmung: Denn Global Dimming wirkt der Erwärmung der Erdatmosphäre und damit dem gesamten Treibhauseffekt entgegen, die Temperaturerhöhungen werden abschwächt. Ungleich folgenreicher sind die Auswirkungen auf das Klima, denn die Sonneneinstrahlung beeinflusst den Wechsel von Regen- und Trockenzeit in den meisten Regionen der Erde. Dürrekatastrophen in Äthiopien oder das Ausbleiben des Monsuns in Indien sollen neuesten Forschungen zufolge mit dem Phänomen des Global Dimming zusammenhängen.
Durch die Verbrennung fossiler Energieträger wird Schwefeldioxid in die Atmosphäre abgegeben und führt zu vermehrter Tröpfchenbildung in den Wolken. Asche, Ruß und Wasserpartikel reflektieren die Sonnenstrahlen, weniger Sonnene kommt am Boden an. Global Dimming hat also die selben Ursachen wie Global Warming, nur entgegengesetzte Folgen. Wegen der CO2-Belastung und der gesundheitsschädlichen Folgen versucht man aber seit einiger zeit, diese Emmissionen aber zu reduzieren. Der Verdunklungseffekt, der den Temperaturanstieg bisher maskiert hat, würde diesen nun aber potenzieren, die zukünftigen Beobachtungen der Wissenschaftler und die darauf basierenden Untergangsszenarien beschleunigen: Abschmelzen der Gletscher und Polkappen, Ansteigen der Meeresspiegel, Klimaveränderungen etc..

CO2 und die Ozeane

Eine andere Beobachtung führt letztendlich zum gleichen Ergebnis wie beim Prozess der globalen Verdunklung. Abgesehen von der bestürzenden Erkenntnisse, dass trotz der politischen Bereitschaft die Treibhausgase reduzieren zu wollen die Emissionen so schnell wachsen wie nie zuvor. Denn in den 90er Jahren wuchs der CO2-Ausstoß um 0,7 % jährlich, heute sind es 2,9 %. Die Verbrennung von Öl, Kohle und Gas setzt heute trotz verbesserter Technologie ein Drittel mehr CO2 frei als noch 1990. Besonders das Wirtschaftswachstum in Asien belastet die Erdatmosphäre in den vergangenen Jahren intensiv. Ein internationales Forscherteam (PNAS) hat aber noch eine andere Entdeckung gemacht: Die Ozeane nehmen immer weniger Kohlendioxid auf. Simulationen der Forscher zufolge ist die CO2-Absorbtion seit 1960 von 32 auf 26 % gesunken. Andere Wissenschaftlern (Universität East Anglia, Norwich) stellten fest, dass das Aufnahmevermögen des Meerwassers zwischen 1994 und 1995 fast dreimal so hoch war als heute. Zwar werden mögliche Erklärungen auch in der Erwärmung des Meeres, in veränderten Strömungen, der abnehmenden Vermischung des Wassers oder einfach in einer Schwankung des natürlichen Zyklus gesucht. Andererseits könnte einfach auch der Sättigungsgrad der Ozeane ihre Aufnahmekapazität langsam überschreiten. Neben dem beobachteten Phänomen der zunehmenden Freisetzung des Methans durch Auftauen des Permafrostbodens und die Erwärmung des Nordmeeres ein weiterer heftiger Schlag ins Kontor des Erdklimas. Denn hält die beobachtete Tendenz an, wird die Erderwärmung durch die abnehmende CO2-Absorbtion der Meere noch einmal zusätzlich beschleunigt.

Die Konkurrenz der Wissenschaft

Politisch und wissenschaftlich hat sich ein Konsens herausgebildet, der nicht wie noch vor ein paar Jahren einen Klimawandel abstreitet. Auch der UN-Klimarat nimmt mit seinem Klimaschutzbericht (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC), in dem alle großen Klimaforschungsinstitute ihre Ergebnisse zusammentragen, kein Blatt mehr vor den Mund und warnt vor den katastrophalen Folgen des Klimawandels. Nach den Weltuntergangs-Szenarien zu Beginn der Klimadebatte ist die Stimmung umgeschlagen und die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft wurde in Zweifel gezogen. Im Augenblick dreht sich die Stimmung in der Öffentlichkeit erneut in eine andere Richtung: Forscher, die den Mainstream und die Katastrophen-Szenarios nicht bedienen und sich ernsthaft mit der Klimakatastrophe auseinandersetzen, werden angefeindet und haben zum Beispiel in der Verteilung öffentlicher Mittel und anderer Zuwendungen weniger Chancen als ihre Kollegen, die in den Medien präsent sind. Auch die Auseinandersetzungen und die Anfeindungen innerhalb der viel zitierten Gemeinschaft der Wissenschaftler nimmt zu.
Neben der zunehmenden Popularisierung der Wissenschaften und ihrer zentralen Organe wie Science und Nature steckt auch die Wissenschaft selbst in einem Dilemma: Fällt eigentlich zu viel Regen oder zu wenig? Steigt die Durchschnittstemperatur schnell oder langsam? Sind die Winter zu warm oder kalt genug? Was ist Wetter und was Klima? Seriös vor den Folgen des Klimawandels zu warnen, fällt nicht leicht. Denn eigentlich bewegt sich die Wissenschaft auf einem komplexen Feld, Messungen, Beobachtungen und Auswertung sind zahlreich, langfristig und vielschichtig. Bei der Schwierigkeit und Unsicherheit von Resultaten und stichhaltigen Prognosen, bei der Undurchschaubarkeit der Computersimulationen und Szenarien für unterschiedlichste Regionen hat sie die Deutungshoheit verloren. Die Politik und die Medien nehmen ihr zunehmend das Heft aus der Hand. Wenn auch Al Gore 1997 als amerikanischer Vizepräsident zu einer Abschwächung des Kyoto-Protokolls beigetragen hat, so macht er jetzt dem Bewusstseinswandel in der amerikanischen Öffentlichkeit den Weg frei. Die unbequeme Wahrheit ist aber auch, dass die Wissenschaft in Wirklichkeit komplex und in ihrer ganzen Tragweite kaum konsumierbar ist, weil sich die Realität und seine wissenschaftliche Erforschung in ihrer Kompliziertheit, Missverständlichkeit und in ihrer Methodik kaum nachvollziehbar dem gesunden Menschenverstand und der Alltagserfahrung entziehen. Seit fast 20 Jahren arbeitet der UN-Klimarat (IPCC) daran, diese wissenschaftlichen Erkenntnisse weltweit zusammenzubringen und noch dazu politisch umzusetzen. Die Beschlüsse von Rio de Janeiro 1992 und das Kyoto-Protokoll von 1997 sowie die einsetzende Debatte ist nicht zuletzt dem IPCC zu verdanken.

Die offene Gesellschaft

Wer zuerst veröffentlicht, wer Sensationelles verbreitet oder die (bad) News von gestern noch toppt, der wird heute nicht nur ein guter Journalist genannt und macht ein gutes Geschäft. Auch die Regeln der Wissenschaft funktionieren immer ähnlicher. Der erbitterte Konkurrenzkampf setzt sich fort in halbherziger Gewissenhaftigkeit und improvisierten Grundlagen wie Ergebnissen. Auch Skandale machen bekannt, die Aufmerksamkeit von heute sorgt für eine Verwertbarkeit auch morgen. Wissenschaft und Forschung sind von öffentlichem Interesse, Wissen und Wahrheit sind aber zu wichtig, um sie der Öffentlichkeit zu opfern. Die demokratische Gesellschaft hat aber ein Anrecht auf Information, gerade in sensiblen Bereichen, die elementar für ihre Sicherheit, Gerechtigkeit, für ihren zukünftigen Bestand sind. Ähnlich wie die Medien, deren Rolle ein Grundpfeiler der Demokratie darstellt, muss auch die Wissenschaft objektiv und unabhängig ihre Wahrheit preisgeben. Auch der Weg zurück in den Elfenbeinturm wäre anachronistisch, denn was wäre eine Klimakatastrophe und niemand hätte davon gewusst?



Zentralabitur

Nur EPA und Bildungsstandards

Bildungspolitik in Deutschland funktioniert so: ein Schritt vor, zwei zurück. Dazu viel Geschwätz und laute öffentliche Zwischenrufe. So ist wohl auch die Wortmeldung von Bundesministerin Annette Schavan im Sommer zu verstehen gewesen: her mit einheitlichen Schulbüchern und auch gleich noch das Zentralabitur! Doch die Kultusministerkonferenz deckte wieder einmal schonungslos auf, wie das föderalistische Prinzip nicht nur in der Bildungspolitik funktioniert. Der Beschluss: Statt des Bundesabiturs sollen bis zum Schuljahr 2010/2011 in der Oberstufe die einheitlichen Prüfungsanforderungen zu Bildungsstandards weiterentwickelt werden, die im gesamten Bund verbindlich sind. Außer in Schleswig-Holstein und in Rheinland-Pfalz werden bereits in 14 Bundesländern landesweite Bildungsstandards in einem Zentralabitur gebündelt. Kein zentrales Zentralabitur also, die Ministerialbürokratie atmet auf und bewegt bis dahin den Papierberg weiter.

Aus PISA lernen

Von Kiel bis Konstanz, von Flensburg bis Freiburg oder von Cottbus bis Köln sollen die Schüler der dritten und vierten sowie der neunten und zehnten Klassen bereits gleich viel wissen. Nationale Bildungsstandards also beim Hauptschulabschluss, bei der Mittleren Reife und beim großen Aussieben nach der Grundschule. Der Beschluss der Bildungsminister sieht vor, die einheitlichen Bildungsstandards für die gymnasiale Oberstufe erst einmal in Deutsch und Mathematik und in der ersten Fremdsprache (Englisch/Französisch) auszubaldowern. Federführend dabei: das Berliner Institut für Qualitätsentwicklung, das die Kultusminister nach dem Schock der ersten PISA-Studie aus dem Boden gestampft hatten.

Pädagogisch wertvoll

Begründungen gefällig!? Bitte sehr: Doris Ahnen zum Beispiel meint, das Einheitsabitur lasse Qualitätsverluste befürchten und nivelliere die Leistungen, außerdem verkomplizierten die unterschiedlichen Ferientermine die Organisation zu einem Chaos. Für die Kultusministerin aus Rheinland Pfalz garantieren die in Zukunft entwickelten bundeseinheitlichen Standards die Vergleichbarkeit der Prüfungsleistungen. Diese EPAs sicherten auf der einen Seite die Durchlässigkeit der Bildungswege zwischen den einzelnen Bundesländern, ohne andererseits auf den eigenen Gestaltungsspielraum verzichten zu müssen. Eine Verständigung über verbindliche Lerninhalte sei pädagogisch sinnvoller und führe insgesamt zur Verbesserung der Unterrichtsqualität.

Jede Maßnahme zählt

Die 15-jährigen Gymnasiastinnen und Gymnasisten, die in der PISA-Studie getestet werden, haben in den verschiedenen Bundesländern wenige Unterschiede in ihren Leistungen gezeigt. Andere Studien billigen den Abiturienten der Südschiene größere Kenntnisse zu als zum Beispiel den Nordlichtern in Hamburg. Ein glaubwürdiger Vergleich der Abiturergebnisse existiert nicht. Bis das Abitur im gesamten Bund gleichwertig ist, wird es noch dauern. Das verkündet jedenfalls Hessens zuständige Ministerin Karin Wolff. Derzeit führe ein Zentralabitur nur zu Ungerechtigkeit, da die Schüler in der Oberstufe ja nach unterschiedlichen Lehrplänen unterrichtet werden. Doch hat man einheitliche Standards, können einheitliche Curricula folgen und zur einheitlichen Prüfung ist es dann nicht mehr weit. Deshalb begrüßt auch die Bundeskanzlerin und ihre Bundesbildungsministerin den Beschluss als wichtigen Zwischenschritt zur Vergleichbarkeit der Abiturleistungen. Als Misserfolg will man den Beschluss der KMK nicht werten aber „weitere Beschlüsse müssen folgen, und zwar bald. Die Kultusminister sollen nicht zögerlich sein“, schiebt Annette Schavan nach.

Der kleinste gemeinsame Nenner

Föderalismus bedeutet halt‘ immer 16 verschiedene Länder unter eine Haube zu bringen, für den Spiegel gilt sogar: „16 Länder, 17 Meinungen – schon ein einziger Abweichler reicht, um einen Vorschlag zu blockieren.“ Nicht einmal die unionsgeführten Bundesländer kommen zu einer gemeinsamen Position. An den Standards will zum Beispiel Bayern intensiv mitwirken, damit das Qualitätsniveau nicht nach unten gesenkt wird. Bayern fühlt sich durch PISA als Primus bestätigt und befürchtet eine inhaltliche Entwertung durch das Zentralabitur und damit die Anhebung des geringen Gymnasiasten-Anteils im Freistaat. So zeigte sich Ministerialdirektor Josef Erhard (CSU) zufrieden mit dem Erreichten und vor allem mit der breiten Allgemeinbildung und der Studierfähigkeit der weiß-blauen Abiturientinnen- und Abiturientenschar.

Taktik und föderales Dickicht

Für eine Fortsetzung des Theaters im Sommerloch und ganz und gar überflüssig halten die Debatte um das Zentralabitur die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Philologenverband. GEW-Vorsitzende Marianne Demmer hält die Initiative für ein großes Ablenkungsmanöver und warnt davor,Geld und Zeit zu verplempern. Das größte Problem der Gymnasien sei ohnehin nicht das Zentralabitur, sondern die überstürzte Verkürzung auf zwölf Jahre bis zum Abitur. Der Vorsitzende des Philologenverbandes Hans-Peter Meidinger, warnte vor dem einheitlichen Abitur, weil einheitliche Prüfungen nicht gleichzeitig einheitliche Bewertungen bedeuteten.

Nobelpreis auch mit schlechten Noten

Die ZEIT droht mit dem dritten PISA-Vergleich, der im Dezember veröffentlicht wird und mit dem von Annette Schavan angekündigten „Bildungsherbst“. Zentralabitur oder kein Zentralabitur sei ohnehin nicht die Frage: Denn in der Bildung komme es auf das Wie an. Angst, Leistungsdruck und Entfremdung, Auslese und taktisches Lernen sind das Produkt unseres Schulsystems, angefangen bei den Schulreifetests für Fünfjährige über die Empfehlung fürs Gymnasium bis zu Numerus Clausus, Punkte- und Kurssystem der Oberstufe. Früher habe das Reifezeugnis gereicht, egal wie, Hauptsache bestanden. Auch der Physiker Peter Grünberg gehörte zu dieser Spezies und machte dennoch seinen Weg. Heute kommt es auf die Noten an, sie sind der Spiegel der Lernzielkataloge, der Curricula und nun auch der Bildungsstandards. Anstatt „die Begeisterung für die Schönheiten und Geheimnisse der Natur, der Literatur oder der Mathematik“ zu fördern, werde das „Sichdurchlavieren“ gelehrt, erst durch Miseren und Mängel, dann durch Prüfungen und Anforderungen, schließlich auch durch das Zentralabitur.